Trauma - was ist das eigentlich?

Aktualisiert: 6. Dez 2018

Der Begriff "Trauma" weckt ganz unterschiedliche Assoziationen. Die meisten Menschen denken bei diesem Begriff an schwerste Misshandlungen, sexuelle Übergriffe, Kriegsgebiete, schwere Unfälle...

Dies sind die klassichen Szenarien für Schocktrauma.

Doch das Spektrum an Trauma ist viel weiter und leider viel "alltäglicher" als diese schwerwiegenden Ausnahmeszenarien: die meisten Menschen in unserer Kultur sind - mehr oder weniger stark - betroffen von Entwicklungs- und Bindungstrauma und transgenerationalem Trauma. Es ist eine wahre Epidemie in unserer modernen Gesellschaft und mein Anliegen ist es, hierfür zu sensibilisieren. Den Fokus auf die Entstehung und Heilung von Entwicklungstrauma zu legen ist ein wichtiger Schlüssel zur Heilung, sowohl auf einer individuellen als auch auf einer kollektiven Ebene. Heilen wir diese Traumaspuren in uns, so müssen wir sie nicht - wie einen unheilvollen Stafettenstab - an die nächste Generation weitergeben. Doch was umschreibt der Begriff "Trauma" eigentlich? Zusammengefasst ist Trauma eine "nicht abgeschlossene Körperreaktion, auf ein Ereignis, das als lebensbedrohlich wahrgenommen wurde".

Sehen wir uns die Bedingungen an, unter denen Kinder heute geboren werden und aufwachsen so wird schnell klar, dass die natürlichen Bedürfnisse des Babys nach Nähe, Körperkontakt, feinfühliger und gut eingestimmter Kommunikation und dem tiefen Wunsch "gesehen-zu-werden" nicht wirklich erfüllt werden.

Wer in dieses Thema vertieft einsteigen mag, dem empfehle ich die Bücher von Herbert Renz Polster.

Kinder sind ihren Eltern tatsächlich auf "Gedeih und Verderb" ausgeliefert. Ihr Überleben hängt davon ab, von ihnen gesehen, gehört und versorgt zu werden. Die Eltern wiederum sind oft so stark mit ihren eigenen ungelösten Themen und inneren Konflikten beschäftigt, dass ein feinfühliger, einfühlsamer und gut eingestimmter Kontakt mit den Kindern nicht oder nur eingeschränkt möglich ist. Dies ist nicht immer offensichtlich erkennbar als Vernachlässigung oder Missbrauch, es geschieht viel subtiler - und vieles erscheint in unserer Gesellschaft als "normal" und fällt nicht weiter auf: - Das Kind das umfällt und weint und von seinen Bezugspersonen hört: "Ach, das war doch gar nicht so schlimm, da brauchst du nicht zu weinen."

- Das Neugeborene das schreit, und so vielleicht in seiner Sprache von seiner anstrengenden Geburt erzählt um Spannung abzubauen. Die Eltern werden jedoch dermassen nervös, dass alles unternommen wird, um das Weinen umgehend "abzustellen".

- Das Baby, das nachts alleine schlafen muss und dies als lebensbedrohlich wahrnimmt, aber bald resigniert und "abschaltet", da sein Schreien nichts bewirkt.

- Eltern, die ihre einen ungelebten Wünsche und Träume auf ihr Kind übertragen und deswegen nicht offen sind zu entdecken, was ihr Kind als eigenständiges Wesen mitbringt.

- Eltern, die so mit sich beschäftigt sind, dass kein Platz ist für das Kind und es sich in der Folge überanpasst und funktioniert.


All dies führt im Kind zu heftigen Zuständen von Wut, Zorn, Trauer, Verzweiflung. Doch diese Gefühle werden heruntergeschluckt, sie haben keinen Raum, werden nicht gesehen, werden weggeredet oder lächerlich gemacht. In der Folge werden diese unerwünschten Gefühle unterdrück und abgespalten.

Und da kein feinfühliger Erwachsener da ist, der das Kind mit seinem noch unreifen Nervensystem "Co-reguliert", kommt es zu einer dauernden Überflutung, die sich im Nervensystem engrammiert.

Diese Bedingugnen hinterlassen tiefe Spuren im Körper, das Nervensystem bildet sich aus für eine Umgebung, die "nicht sicher ist".

Wir haben verlernt zu weinen und wütend zu sein, sind aber gleichzeitig dauernd angespannt, aggressiv und unfähig, tiefe Freude zu empfinden. All dies ist der Preis der Anpassung aus unser Kindheit, der Preis der Kooperation mit unseren Eltern, die uns das Überleben sicherten.

Auf diese Weise entsteht Entwicklungstrauma, das uns ein Leben lang begleitet und beeinflusst. Mit der Körper- und Gefühlsarbeit erleben wir diese frühen Zustände von Trauer, Wut, Zorn, Verzweiflung, diesmal jedoch sicher gehalten und begleitet von einer einfühlsamen Gruppe oder einem Therapeuten. Alles darf sich zeigen, du bist willkommen mit allem, was in dir ist.

Du wirst gesehen mit deinen heftigen Gefühlen und diesmal nicht alleine gelassen.

Das Nervensystem macht eine neue Erfahrung: ich bin sicher, ich darf sein, wie ich bin, ich werde angenommen mit allem, was in mir ist. Die Ladung im Körpersystem darf sich ent-laden, bis eine tiefe Entspannung folgt, die die alten Erfahrungen in einen neuen Kontext setzt. Du machst die zutiefst heilsame Erfahrung: Ich bin nicht alleine.

Hinter unseren Masken und Schutzpanzern sind es die gleichen Themen, die uns beschäftigen, wir sitzen im selben Boot - es ist so viel mehr, das uns verbindet als das uns trennt.