Entwicklungstrauma verstehen

Aktualisiert: 11. Dez 2018

In der Psychotherapie etabliert sich zunehmend die Ansicht, dass früheste Erfahrungen aus unserer Zeit im Mutterleib, bei der Geburt und in der frühen Kindheit fundamental prägend sind für das weitere Leben.

Negative, für das Nervensystem überwältigende Erfahrung aus dieser Zeit werden mit dem Begriff "Entwicklungstrauma" oder selten auch "Bindungstrauma" benannt.


Folgende Umstände können zu einem Entwicklungstrauma führen:

- Frühgeburt, erste Zeit im Brutkasten - Abtreibungsabsichten / Abtreibungsversuch - "falsches" Geschlecht - Zwillingsverlust im Mutterleib - Vernachlässigung in der frühen Kindheit

- traumatische, interventionsreiche Geburt (Kaiserschnitt, Geburtsstillstand, Sturzgeburt...) - Trennung von den Eltern direkt nach der Geburt ("Babystation")

- mangelnde feinfühlig-abgestimmte Spiegelung durch die Eltern

- frühe Trennung von den Eltern (Krankenhausaufenthalte, frühe Fremdbetreuung) - psychische Krankheit der Eltern (Wochenbettdepression)

- Existenzängste der Eltern

- ungewollte Schwangerschaft - emotionaler, narzisstischer Missbrauch

- Grenzüberschreitungen

- strenge Erziehung, "schwarze Pädagogik"

- Gewalterfahrungen

- "Schreienlassen" (sogenanntes "Ferbern") des Babys, frühes allein schlafen

- unzureichender Körperkontakt und Kommunikation mit dem Baby

- instabile Partnerschaft der Eltern


Die Liste liesse sich beliebig fortsetzten. Fast jeder hat in unserer Gesellschaft mehr oder weniger stark traumatisierende Situationen in der frühen Kindheit erlebt. Oftmals haben wir an diese Zeit keine bewusste Erinnerung, dennoch hat unser Körper und insbesondere unser Nervensystem sich aufgrund dieser frühen Erfahrungen entwickelt. Manchmal haben wir Zugang zu unserer frühen Geschichte über Erzähungen oder Fotografien, oft ist es aber so, dass wir an wiederkehrenden Körpersymptomen und Situationen merken, dass etwas "schief gelaufen" ist. Oft spürt der Betroffene eine tiefe, unstillbare Sehnsucht nach Bindung, gleichzeitig gestalten sich Beziehungen schwierig; die Selbstfürsorge ist eingeschränkt, man ist fokussiert darauf, wie es anderen geht; man erlebt wiederkehrende Gefühle von Frustration, Ärger, Angst oder Aggression; die Reaktion auf Trennungen ist unverhältnismässig; ein Gefühl der Leere, Trauer bestimmt Teile des Alltags...

Je nach Art der frühen Beziehungsdynamik mit den Eltern zeigen sich die Symptome im Erwachsenenalter sehr unterschiedlich. Entwicklungstrauma ist mit einer klassichen Gesprächstherapie nur schwer anzugehen. Ein kognitiver Ansatz kann hier auch gar nicht greifen, da die Erfahrungen auf der Ebene des Körpers und eines veränderten Nervensystems engrammiert sind, welches dauernd in einer Defensifschlaufe steckt (Fight/Flight/Freeze).

Eine sanfte, einfühlsame und bindungsorientierte Methode, die den Körper miteinbezieht, wie die "Körper- und Gefühlsarbeit nach Renggli" ermöglicht es, diese alten Traumamuster bewusst zu machen und neue, korrigierende Erfahrungen zu integrieren.